Peter Finke: Lauter Defizite. Unser holpriger Übergang ins Transdisziplinäre Zeitalter

Lade Karte ...

Datum/Zeit
Datum - 23.02.2016
Uhrzeit - 18:00 - 20:00

Veranstaltungsort
Scoutopia

Kategorien


„Es braucht Mut“

Peter Finke war am 23. Februar zu Gast in Scoutopia und berichtete über die Idee der transdisziplinären Universität.

Peter Finke war gekommen um Klartext zu sprechen. So ließ er die Zuhörerinnen und Zuhörer direkt zu Beginn wissen, was ihm an Scoutopia gefällt und was ihn noch an der Idee Zweifeln lässt. Der regionale Bezug und die mögliche Kompetenzerschließung jenseits des Elfenbeinturms hielt er dem Projekt zugute. Aber die starke Betonung des Ökonomischen erschien ihm suspekt, einen „Bruch mit der gängigen Wachstumslogik“ mochte er sich bei Scoutopia nicht vorstellen, zu viel der Gründerrhetorik las er auf der Internetseite. Man könne keine Probleme lösen mit der Methode, die in die Krise geführt hat. Wir sollten uns öfter fragen, ob technischer Fortschritt realer Fortschritt sei, oder nur neue Probleme erzeugt. Er sieht die Gefahr, von Innovationsrhetorik statt wirklicher Bereitschaft, neue Wege zu gehen.

Das vollständige Redemanuskript können Sie hier herunterladen.
Den Audiomitschnitt finden Sie hier herunterladen: Peter Finke in Scoutopia, oder direkt hier auf der Seite hören.

Die Fortschritte in der Wissenschaft seien dadurch entstanden, dass sich einzelne, kleinste Einheiten immer genauer angesehen würden. Es gibt eine enorme Diversifizierung an den Universitäten und einhergehend Spezialistenwissen in Nischen. Dies sei der „Weg in die disziplinäre Vereinzelung“. Das Narrativ der Wissenschaft als Erfolgsstory sei nichts weiter als ein Trugschluss, eine problemerzeugende Pseudo-Lösung. Als Antwort auf neue Probleme gäbe es immer weitere Spezialisierungen. Hieraus entstand der sogenannte Fortschritt. Dem entgegnete Finke: „Mit einer Lupe sieht man mehr Details, aber immer auch nur einen kleinen Ausschnitt“. Für alles eine Forscherlupe zu bauen sei kindisch und naiv. Sätze wie „wir haben ein Modell gebildet, um Komplexität zu reduzieren“ wären nur Ausflüchte um nicht zugeben zu müssen „Die Realität ist mir zu komplex“. Die Wissenschaft verrenne sich im Genauigkeitsfetischismus. Dass Wissenschaft keine Zusammenhänge erklärt, das sei das größte Defizit von allen. Es gebe immer nur einzelwissenschaftliche Fortschritte. Diese seien der Beginn von Entwicklungen, die in Krisen enden. Es sei, als schütte man zwei gefährliche Stoffe zusammen und guckte, was passiert. Wenn jeder nur das Beste will, kann nichts Schlimmes passieren: ein Trugschluss, so Finke.
Dann erzählte er ein Beispiel von einem Hobby-Ornitologen, der die Sperberpopulation in seiner Umgebung beforscht, um die begrenzte Sichtweise deutlich zu machen. Wenn der Sperber und andere Vögel nun nicht mehr vor Ort zu finden sei, würde er gewiss keine Antwort in der Ornitologie suchen, sondern auch über andere Aspekte wie Klima, die Entwicklung anderer Tierarten im Gebiet und weitere Zusammenhänge nachdenken. Die akademische Wissenschaft hingegen mauere sich in ihrer jeweiligen Disziplin ein und fände sich dabei großartig.
Das System heute
Peter Finke war gekommen, um über die Forschungswende zu sprechen. Warum brauchen wir eine Forschungswende hin zur Bürgerwissenschaft? „Einfach deshalb, weil sie nicht mit jenem institutionellen Korsett versehen ist, die die akademische Forschung lähmt“. Zudem hätten Wissenschaftler überwiegend Bücherwissen und dadurch einen sehr eng begrenzten Erfahrungsraum. 98% des gelehrten Wissens steht in Lehrbüchern. Die großen Forscher der akademischen Wissenschaft ließen, wenn überhaupt, beobachten, statt selbst zu beobachten. Die akademische Wissenschaft bezeichnet er als „abgehoben“, sie bliebe unverständlich. Sie hat sich von den Lebenswirklichkeiten entfernt und stecke in einem institutionellen Korsett und sei abhängig von Drittmitteln geworden und damit unfrei. Es geht nicht um wirklichen Erfolg in der Wissenschaft. Wer erfolgreich sein wolle, brauche keinen Mut. Karriere im System mache man durch Anpassung. Es sei also eher Cleverness statt Mut. Leute, die perfekt in die bestehenden Lücken passen, würden gesucht, Leute die angepasst sind. Es herrsche die Dominanz von Macht über Ethik. Hierbei schüfen befristete Verträge existenzielle Unfreiheit. Dauerstellen machen freier als Zeitvertrage. Viele meinen, Geld wäre das größte Defizit. Finke sagt, tatsächlich sei der Bildungsetat in Deutschland grotesk klein im Vergleich zu anderen Etats. Der Forschungsetats hingegen sei im Mittel eher zu groß. Fächer ohne ökonomisch verwertbare Nutzanwendung litten Mangel. Andere Fächer schwimmen im Geld, sagt er. Durch Drittmittel gibt es nicht zu wenig Geld, nur die Verteilung ist das Problem. Und wer keine Drittmittel einwirbt, wird sanktioniert. Denn wer mehr einwirbt, kriegt auch mehr staatliche Förderung. „Fragen sie die, deren Forschungsanträge aussortiert wurden, wie frei sie sind“.

Forschung als Legitimationsinstrument für Interessen
Heute wird viel Zweckforschung betrieben. Statt Fragen stehen heute Antworten am Anfang, statt Ursachen stünden Wirkung am Beginn, die begründet werden müssten. Es geht um die Suche nach einer passenden Frage auf die gewünschte Antwort. Damit bewege sich die Wissenschaft von ethisch unbedenklichen Feldern hin zu zweckorientierter Forschung. Wolfgang Hermann, Präsident der Technischen Universität München, gab im Spiegel ein Interview. Es spiegelte den Gedanken „Survial oft he fittest par Exellence“ wieder. Der Präsident sprach wohlwollend vom gnadenlosen Wettlauf um zu geringe Forschungsmittel. Durch das Konzept der unternehmerischen Hochschule würde dies die Universitäten zu mehr Leistung anspornen, wie seine Uni es vormache. In diesem Zuge wurde die Germansitik so gut wie abgeschafft. Ab 2020 wird es keine Lehre mehr in der Germanistik geben, da die Sprache von Spitzenwissenschaft Englisch sei. Hermann sagt Wissenschaft, meint aber Wirtschaft und Karriere, so Finke. Er möchte sich jeden Forscher kaufen können. Er spricht von Leuchttürmen, die eine gewisse Höhe bräuchten, damit sie hinter dem Horizont sichtbar wären. Siegen oder verlieren. Etwas Drittes gibt es nicht. Um das Fundament kümmere sich Hermann beim Leuchtturmbau nicht, fügt Finke süffisant hinzu. Es wird nach Macht gesucht. Auch die Forschungspolitik ist von Prestige getragen, nicht von wahren Bedürfnissen. Sie müsse wieder geerdet werden. Der Wahrheitspfad unter Geld und Macht müsse wiedergefunden werden.

Peter Finke (2013)

Peter Finke (2013)

Eine Alternative
Finke berichtet von Menschen, die dem System entsagt oder abgesagt haben. Zum Beispiel ein Kollege, der das Gefühl hatte, im System keinen Beitrag zur Wissenschaft zu leisten. Er hatte das „Netzwerk Wachstumswende“ gründete und dafür viel Häme geerntet. Oder einen Bürgerwissenschaftler, der für seine Arbeit einen Ehrendoktor bekam und eine Stelle an der Universität angeboten bekam. Er lehnte dies ab, weil er keine Lust auf die Bürokratie, unter anderem das Schreiben von Anträgen, hatte.
Die Bürgerwissenschaft ist frei, weil sie ehrenamtlich funktioniert. Sie basiert auf bürgerschaftlichem Engagement. Sie bewegt sich in einem überschaubaren Rahmen, setzt erreichbare Ziele. Ursula Sladek (Stromrebellin der Republik) schreibt dazu, es ginge um selbstorganisiertes Lernen und gemeinschaftlich organisiertes Handeln. Die Bürgerwissenschaft erforscht was die akademische Wissenschaft übersieht: reale, nahe Probleme. Bürgerwissenschaft ist transdisziplinär. Was heißt Transdisziplinarität und was wird dann aus Disziplinen? Transdisziplinarität ist etwas anderes als Interdisziplinarität. Dies sei nur eine Reparaturmethode. Transdisziplinarität ist die radikalere Fortsetzung von Interdisziplinarität, für die, die Dogmen hinter sich lassen können. Disziplinen bleiben, aber wir müssen lernen mit ihnen umzugehen, so Finke. Gemeinsam Probleme lösen sei die Devise. Er stellt sich hierzu Forschergruppen vor, die regelmäßig wechseln und in denen vakante Stellen gemeinsam, kooperativ besetzten werden. Die Gruppen würden vernetzt mit Bürgerbegleitgruppen. Die Wissenschaftler müssen Rechenschaft ablegen und sich verantworten. Dabei sei die Transdisziplinarität für viele Wissenschaftler hoch attraktiv, da hier vernünftig geforscht werden könne, was ja zumindest ursprünglich einmal die intrinsische Motivation aller Forscherinnen war. Genauso attraktiv sei das System für Studierende, weil weniger Lehrbücher gewälzt würden. Stattdessen stünden Projekte im Mittelpunkt. Diese Absolventen wären laut Finke auch begehrt, da Sie in der Lage zu Problemlösung seien – diese Erfahrung habe er in Witten-Herdecke gemacht.
Zum Schluss schließt sich der Kreis und Finke gibt drei Ratschläge, damit das Projekt Scoutopia im transdisziplinären Sinne gelingt.

  1. Suchen Sie in allen Fachbereichen ohne Tabu nach Verbündeten. Nehmen Sie sie ernst.
  2. Suchen sie außerhalb der Uni nach Partnern: Unternehmen, Schulen, Bürgerbewegungen. Etablierte Institutionen sind am Ausbau von Macht interessiert.
  3. Laden Sie Peter Finke in zwei Jahren nochmal ein. Dann wird der Abstand vermessen, zwischen den Ankündigungen auf der Homepage und dem was wirklich umgesetzt wurde.

Wohlwollend bemerkt er zum Schluss, dass die Schlagseite zur Wirtschaft eventuell auch nur Teil des Anfangs sei. Insofern besteht Hoffnung für Scoutopia.

 

__________________________________________
Ankündigung des Vortrages:
Der Herausgeber, Peter Finke,wird in einem Vortrag seine Thesen zur Diskussion stellen und den Abend mit uns gestalten. Den Schwerpunkt des Abends beschreibt er wie folgt:

„Der Fortschritt der Wissenschaft vom bisherigen Disziplinären in das neue Transdisziplinäre Zeitalter wird durch allenthalben herrschende, verfestigte Organisationsstrukturen unserer Universitäten gelähmt. Nichts bringt dies so deutlich zum Vorschein wie das Gegenbild der weitgehend institutionenfreien Bürgerwissenschaft. Unser Wissenschaftsverständnis, die Bildungs- und Forschungspolitik von jenen Defiziten zu befreien, ist die vordringliche Aufgabe, wenn wir Freiräume für Kreativität, neues Denken und kulturellen Wandel gewinnen wollen.

Dieser Wandel erfordert an vielen Stellen ein neues Denken, das ohne Risiko nicht zu haben ist. Dazu gehören die individuelle Bereitschaft von Personen, sichere Wege zugunsten ungewisser Pfade zu verlassen, die politische Abkehr vom wettbewerbsgetriebenen Akademisierungs- und Spezialistenwahn zugunsten einer anspruchsvollen, kooperativen Bildung und Forschung, und wissenschaftlich die Bereitschaft, neue Universitätsmodelle auszuprobieren, bei denen nicht festangestellte Lehrstuhlinhaber die Richtung vorgeben, sondern flexible, transdisziplinär zusammengesetzte Forschergruppen. Vor allem müssen Wissenschaftler das Ideal der Freiheit der Wissenschaft wieder ernst nehmen und dürfen den heute übergroßen Einfluss von Wirtschaft und Politik nicht länger akzeptieren. Vielfalt ist ein positiver Wert und alle vermeintlich scharfen Grenzen sind tatsächlich Unschärfezonen, die Lernen ermöglichen“

Wer sich auf den Vortrag vorbereiten möchte, kann die vier folgenden Links hierfür nutzen:
TAZ-Interview (Gabriele Goettle): http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2014/03/31/a0103
Telepolis- Interview (Brigitte Zarzer): http://www.heise.de/tp/artikel/43/43421/1.html
DLF-Mediathek „Zwischentöne“ (Michael Winter): http://www.deutschlandfunk.de/musik-und-fragen-zur-person-der-wissenschaftstheoretiker.1782.de.html?dram:article_id=323651
Agentur Zukunft-Interview (Solarify): http://www.solarify.eu/2015/08/06/781-buergerwissenschaftler-werden-uns-noch-positiv-ueberraschen/


Beruflich hat Peter Finke (* 1942 in Göttingen, Deutschland) nach Studien in Göttingen, Heidelberg und Oxford und seiner Habilitation 1979 ein Vierteljahrhundert einen Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie an der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld innegehabt, für einige Jahre auch eine Stiftungsprofessur für Kulturökologie an der Privatuniversität Witten-Herdecke, sowie Gastprofessuren in verschiedenen Ländern, bis er sich 2005 aus Protest gegen die politische Durchsetzung der sog. Bologna-Reform vorzeitig in den Ruhestand versetzen ließ. Er gilt als einer der Begründer der Evolutionären Kulturökologie in der Nachfolge Gregory Batesons (Festschrift zu Finkes 60. Geburtstag „Die Vielfalt der Wechselwirkung“, 2003, u.a. mit Beiträgen von Ervin Laszlo, Fritjof Capra und Hans-Peter Dürr).

Zu seinen jüngeren Veröffentlichungen gehören u. a. An Outline of Evolutionary Cultural Ecology (2012), Citizen Science: Das unterschätzte Wissen der Laien (2014), Freie Bürger, freie Forschung: Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm (2015).

Finke hat sich bereits als 15-jähriger Schüler einer nazikritischen Geschichtswerkstatt angeschlossen und damit Citizen Science noch vor seinem Studium der Wissenschafts- und Sprachphilosophie in Göttingen, Heidelberg und Oxford kennengelernt und selber betrieben. Später hat er u.a. einen Dachverband ehrenamtlich tätiger naturforschender Gesellschaften ins Leben gerufen, war zusammen mit der Hermann Graf Hatzfeld, der Ökonomin Christiane Busch-Lüty und dem Physiker Hans Peter Dürr Mitglied des Crottorfer Kreises, der die Gründung der transdisziplinären Vereinigung für ökologische Ökonomie (VÖÖ) beschlossen hat, deren Vorstand er noch heute angehört. Zuletzt hat er ein internationales Netzwerk ins Leben gerufen („Parosphromenus-Project“), das am Beispiel einer kleinen Fischgruppe weltweit Menschen gegen die Biodiversitätsvernichtung durch die rigorose Entwaldung in Südostasien und den Kampf um die Erhaltung der bedrohten indigenen Kulturen der dort lebenden Dayak-Völker zu mobilisieren versucht.

Finke hat somit langjährige Erfahrungen in Theorie und Praxis der Bürgerwissenschaft (Citizen Science, 2014), aber auch eine intime und kulturkritisch begründete Sicht der akademischen Wissenschaft (Die Ökologie des Wissens, 2005). Er sieht die Ursache der vielen gegenwärtigen Krisen in einer sehr tiefgehenden kulturellen Krise unserer westlichen Zivilisation, die sich in den Fehlern der von uns ausgehenden Globalisierung äußert. Statt der mühsam errungenen Normen und Werte von Aufklärung und Demokratie exportieren wir eine monetär-ökonomische Schrumpfversion dieser Kultur: die Werte der Wall-Street. Wir vernichten hierdurch die Evolutionsgewinne der natürlichen und der kulturellen Vielfalt und machen einen tiefgreifenden kulturellen Wandel dringlich.

Titel_FinkeFreieBuerger_fb_Presseimage004

 

Für Veranstaltung anmelden:

Buchungen sind für diese Veranstaltung geschlossen.

1 Comment

  1. Armin Schneider Reply

    Nicht nur die Hochschulausbildung steckt in verfestigten Organis ationsstrukturen fest, sondern auch die schulische Bildung ergötzt sich durch permanente Strukturänderungen, ohne die riesigen Defizite in den Bildungsinhalten endlich anzugehen. Permanenten neuen Schulformen stehen immer größere Qualitätsverluste in den Leistungs- und Qualitätsprofilen der jeweiligen Absolventen gegenüber. Keine der momentan vorhandenen Bildungseinrichtungen in der BRD ist den Anforderungen der Industriegesellschaft 4.0 auch nur ansatzweise gewachsen. Kritiker des Bildungssystems werden mit gesetzlichen Strafmaßnahmen abgestraft, wenn Sie in diesen beruflich eingebettet sind. Wer sich nicht dem mainstream unterordnet, werden Sanktionen angedroht, öffentliche Kritik verboten, selbst wenn diese reale substantielle Lösungsvorschläge beinhaltet. Es herrscht eine kommunikative Angststruktur, die jede kreativen Lösungsvorschläge im Keim erstickt. .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 

Log In

Create an account